Artikel zum Kampf der Bewohner*innen der K29 um ihr Haus sollen hier gesammelt werden. Hinweise auf fehlende Artikel gerne über „Kontakt“ an die Betreiber*innen der Website.
***Blicklicht*** (Ohne Datum)
Geld, Geld, Geld…
oder wem gehört die Stadt?
von Conny Meißner, Cottbus
Dem studentischen Wohnprojekt „Karlstraße 29“ droht das Aus. Sollte der aktuell diskutierte Verkauf an die Berliner Lifestyle Immobilien GmbH über die Bühne gehen, wird ein weiteres historisches Altbauhaus in Cottbus „schick“ gemacht und ein paradiesisch-wilder Garten mit Parkplätzen zubetoniert. Die Mieten sollen auf das Doppelte steigen und die derzeit dreizehn Bewohner*innen plus zwei Katzen und ein Hund müssten gehen. Ist der Lauf der Dinge, könnte man meinen, wenn da nicht die andere Seite wäre…
Als man sie brauchte…
Anfang der 1990iger Jahre verfielen die Häuser auch in Cottbus. Um dem Leerstand und den daraus resultierenden Kosten etwas entgegen zu setzen, entstand dazu ein Projekt der Universität und der GWC. Im Mittelpunkt stand studentisches Leben und Wohnen, im Gegenzug pflegten die neuen Mieter*innen die Häuser und setzten sie instand. Mit dieser Idee „durchwohnten“ seither etliche Student*innen die 360 m² auf drei Etagen in der Karlstraße 29, immer solidarisch und gleichberechtigt. Zum Haus gehören ein Hinterhof, ein paar Schuppen und ein Garten, in dem sie Gemüse und Blumen pflanzen. Dreh- und Angelpunkt des Lebens ist die große WG-Küche und das gemeinsame Wohnzimmer. 1992 gründeten die ersten Bewohner*innen einen gemeinnützigen Verein, der sich neben dem alternativen Wohnen und Lernen auch der Kultur verpflichtete.
Was sie uns geben…
Das Wetter war perfekt am diesjährigen Pfingstsamstag. Viele hundert Menschen trafen sich auf dem Bonnaskenplatz zum jährlichen Karlstraßenfest. Seit 2008 wird das Kiezevent vom K29-Verein organisiert und ist schon längst zum festen Termin im Cottbuser Kulturkalender geworden. Hier begegnen sich Menschen – alte, junge, Familien, Rentner*innen, Studis, Arbeiter*innen, schräg, konservativ – eben Leute aus dem Kiez und mit verschiedensten Lebensmodellen. Die Fortführung der K29-Lebensart ins Kulturelle macht die Atmosphäre einzigartig offen und kreativ, die Angebote nachhaltig und solidarisch, die Beiträge entspannt und ohne lautes Tamtam – ein Ort für echte Gespräche und ein Gegenentwurf zur kommerzialisierten Festrauschkultur. Neben der Organisation des Festes öffnet die WG regelmäßig das Haus für Kulturabende, Brunch und Kino auf dem Hof, früher sogar für Uni-Seminare. Auf Eigeninitiative und aus eigener Tasche liefern sie mit ihrem Engagement viele Beiträge zur Lebensqualität und Diversität in der Stadt. K29 steht damit für einen modernen wie alternativen Lebensentwurf, der Freiraum zur kreativen Entfaltung bietet und Cottbus für Studierende und andere Interessierte spannend macht.
Nicht mehr gewollt…
Gehen Sie zur Seite, wir sind die Neuen! Mit Schrecken öffnen die WG-Leute die Tür und müssen Anfang des Jahres die Besichtigung durch eine Berliner Immobilienfirma über sich ergehen lassen. Dabei haben sie doch gerade beim aktuellen Eigentümer nachgefragt… es stand kein Verkauf an. Aber der Reihe nach! Rund um das Haus gibt es seit dem Einzug immer wieder Schwierigkeiten. Zu Beginn waren es Themen wie Restitutionsansprüche, daher keine Fördermöglichkeiten, später der ewige Kampf mit der GWC um das Notwendigste, wenn es wieder durch die Fenster zog. Nach der Klärung der Eigentumsverhältnisse ging das Haus gänzlich in städtischen Besitz über und wurde – wie so viele Altbauten – später verkauft. Beim derzeitigen Vermieter, der Grund-Union-Immobilien GmbH, fragten die K29-Leute regelmäßig nach: Pläne zum oder gar ein Verkauf wurden immer wieder abgestritten. Doch das ungute Gefühl blieb und so hat sich der Verein dazu entschlossen, das Haus selbst zu kaufen, Finanzierungsmodelle geprüft, gefunden und deutlich Kaufinteresse bekundet. Allein der Besitzer scheint der Berliner Firma den Zuschlag erteilen zu wollen. Leider hat der Vermieter auf die Anfragen der Blicklicht-Redaktion dazu nicht reagiert.
Wie es nun weiter geht…
Warum erhielten die Bewohner*innen der Karlstraße keine Gelegenheit ihr Vorkaufsrecht in Anspruch zu nehmen? Kann der Verkauf noch abgewendet werden bzw. ist er rechtlich in Ordnung? Ist der Werdegang und die einhergehend drohende Vernichtung Cottbuser Subkultur ein Fall für Politiker*innen der Stadt?
Die Bewohner*innen der Karlstraße geben jedenfalls ihr Zuhause nicht so schnell verloren. In einem offenen Brief baten sie sowohl den Cottbuser wie den wohl zukünftigen Eigentümer im Mai um Klarstellung und das Abwenden des Weiterverkaufs. Bisher keine Reaktion (Stand:13.06.) Cottbuser*innen können derweil auf vorgedruckten Postkarten ihre Gründe für den Erhalt an den derzeitigen Besitzer in die Waisenstraße 5 schicken. Die Karten gibt es z.B. in der Fango, wie im Prima Wetter. Und ja, auch die Politik hat sich eingeschaltet. Bei einem Hausbesuch im Juni lobte Kerstin Kircheis (SPD) das Projekt, erklärte es für unbedingt erhaltenswert und will sich für die Weiterführung stark machen. Auch auf die Partei Die Linke kann sich das Projekt verlassen und auf Unterstützung zählen.
Geld, Geld, Geld…?
Wir müssen uns fragen, in welcher Stadt wir leben wollen und wem sie gehört! Auch wenn alternative Konzepte monetär nicht sofort lukrativ erscheinen, haben sie doch eine wichtige Tiefenwirkung für das Leben in einer Stadt, wie im Fall der K29. Darum braucht die WG Unterstützung und Solidarität. Neuigkeiten, Aktivitäten und Termine gibt es auf Facebook #Karlstraßenfest-Cottbus, in der Karlstraße 29 selbst und auf www.raka-magazin.de .
Gentrifizierung: Hausverkauf verdrängt kulturelles Studierenden-Haus mit Tradition in Cottbus
***13. Mai 2019 (Raka Magazin)***
Ein Investor aus Berlin kauft die Szene-WG Karlstraße 29 im Cottbuser Norden und will die Miete verdoppeln. Das würde das Aus für das Kulturprojekt bedeuten. Der aktuelle Eigentümer ist nicht gewillt an den seit fast 30 Jahren ansässigen gemeinnützigen Verein Karlstraße 29 e.V. zu verkaufen und damit den Kulturort nachhaltig zu sichern. Die Bewohner*innen wollen das Haus weiterhin kaufen.
Auch dieses Jahr findet erneut das mittlerweile traditionelle Karlstraßen-Fest am 08.06.2019 vielleicht zum letzten Mal auf dem Bonnaskenplatz statt. Seit mehr als 10 Jahren wird das Fest und andere Veranstaltungen vor allem durch die Bewohner*innen der Karlstr. 29 und den dazugehörigen Verein organisiert. So prägt der K29 e.V. seit 1992 das Stadt- und Nachbarschaftsleben mit und fördert den Austausch zwischen Bürger*innen und Universität, u.a. mit Seminaren vor Ort mit Studierenden und Profesor*innen, Brunches für die Nachbarschaft, Kulturabende mit Dia-Vorführungen. „Mit einem Aus der Karlstraße 29 verlieren wir nicht nur unser zu Hause“, sagt Mareike Lang, die seit 4 Jahren dort wohnt. „Auch die Stadt Cottbus verliert damit eine Teil ihrer Kultur.“ so Lang weiter.
Aus einem Seminar der BTU und in Zusammenarbeit mit der GWC entstand die Idee, leerstehende Häuser zu beleben, eigenständig instand zu setzten und für gemeinschaftliches Wohnen und Studieren bereitzustellen. Das war die Geburtsstunde des Hauses. Bis heute ist weit mehr daraus entstanden als eine WG. Für die Bewohner*innen ist es nicht nur eine Möglichkeit günstig zu wohnen, sondern auch ein Ort für die individuelle Entfaltung und das Lernen von Verantwortung füreinander und die Gesellschaft. Bis heute besteht ein enger Draht zur BTU, u.a. durch Unterstützung von Prof. Dr. Heinz Nagler. Als spannendes Nachwendeprojekt erfolgte die Wiederbelebung von in der DDR verkommenden Häusern durch damalige Studierende.
Mieter in Cottbuser Karlstraße besorgt Verkauf bedroht Wohngemeinschaft
***30. Mai 2019 (Lausitzer Rundschau)***
Cottbus. Die Organisatoren des Karlstraßenfestes leben gemeinsam in einem Haus. Ihr Kiezprojekt könnte am Wechsel des Eigentümers zerbrechen. Von René Wappler
Müllbeutel stehen auf dem Einkaufsplan, Katzenfutter und Geschirrspültabs. Wenn 13 Leute in einer Wohngemeinschaft leben, auf drei Etagen mit insgesamt 360 Quadratmetern, braucht es mitunter straffe Organisation. Deshalb prangt der Einkaufsplan an der Tafel in der Küche, aufgeschrieben mit Kreide.
Der größte Posten findet sich dort aber nicht. Wenn die Bewohner die Chance bekämen, würden sie das Haus in der Karlstraße dem Vermieter abkaufen. Drei von ihnen sitzen im benachbarten Wohnzimmer, bei Kaffee, Kuchen und Tee, und sie haben alles durchgerechnet. Der Sozialarbeiter Martin Wenzel sagt: „Wir hätten die 280 000 Euro für den Kaufpreis zusammenbekommen, unter anderem über Kredite, aber der Vermieter trägt sich wohl mit anderen Plänen.“
Deshalb sorgt sich die Wohngemeinschaft um ihre Zukunft. Seit dem Jahr 1992 besteht das Projekt, das sich als Verein eingetragen hat. „Karlstraße neunundzwanzig e.V.“ lautet sein offizieller Name. Die Bewohner organisieren gemeinsam das Karlstraßenfest, das in diesem Jahr am 8. Juni auf dem benachbarten Bonnaskenplatz stattfinden wird.
Sorge um höhere Miete
Nun steht der Karlstraße 29 ein Eigentümerwechsel bevor, wie die Mieter berichten. Sie fürchten, dass nach einer Sanierung die Miete deutlich steigen wird. Die Studentin Ricarda Budke gibt zu bedenken, dass sich die meisten Bewohner einen höheren Preis nicht langfristig leisten könnten.
Seit vier Jahren lebt Mareike Lang im Gebäude. „Mit einem Aus der Karlstraße 29 verlieren wir nicht nur unser zu Hause“, sagt sie. „Auch die Stadt Cottbus verliert damit einen Teil ihrer Kultur.“
An den bisherigen Besitzer, die Grund Union Immobilien GmbH, haben die Mieter einen Brief geschrieben. „Wie Sie wissen, fördern wir seit nunmehr fast 30 Jahren studentisches Wohnen und Leben, aber auch den Austausch im außeruniversitären Kontext in Cottbus“, heißt es darin. Durch einen Verkauf und die „jetzt schon mündlich angekündigte“ Verdopplung des Mietpreises werde dieses Projekt sterben, fürchten die Bewohner. „Seit Jahren sprachen wir Sie regelmäßig an und signalisierten den Wunsch zum Hauskauf“, teilen sie in ihrem Brief mit. „Dass nun jemand anderes den Zuschlag erhält, entsetzt uns erneut.“
Lebensmodell in Gefahr
Auf eine Anfrage der RUNDSCHAU reagierte die Grund Immobilien GmbH nicht. Nach den Informationen der Wohngemeinschaft wird das Haus in das Eigentum der Lifestyle Immobilien GmbH aus Berlin wechseln. Die Mieter sehen damit ein Lebensmodell in Gefahr.
Denn wie Martin Wenzel berichtet, fanden sich im Jahr 1992 Studierende und Professoren aus Cottbus zusammen, um die Wohnkultur in der Stadt zu erhalten. Als ein „solidarisches Miteinander“ beschreibt der Mieter den Alltag im Haus. Neben den 13 Bewohnern beherbergt es zwei Katzen und einen Hund. Wie in einer großen Familie kochen die Mitglieder gemeinsam. Im Wohnzimmer treffen sie sich regelmäßig, um miteinander Filme und Serien wie den Tatort zu schauen. Fast nebenbei erfahren sie dabei auch, wie verschiedene politische Ansichten unter einem Dach nebeneinander existieren können. Mitunter fahren sie gemeinsam in den Skiurlaub.
Institution für die Stadt
Das erste Karlstraßenfest organisierten die Bewohner im Jahr 2008. Nach einer längeren Pause belebten sie es wieder. Inzwischen gilt es über den Stadtteil hinaus als eine feste Institution für viele Cottbuser.
Mehrere Generationen von Studierenden haben inzwischen in der Wohngemeinschaft gelebt. Manche zogen später aus, andere kehrten wieder. Nette von Nordheim blieb bis heute. Sie stammt aus Zella-Mehlis in Thüringen, kam für eine Ausbildung zur Maskenbildnerin nach Cottbus und arbeitet am Staatstheater. „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen“, sagt sie im Gespräch mit den anderen Mietern, als sie hinaus in den Hof gehen, vorbei an der kleinen Werkstatt zu den Stühlen im Gras, unter den Bäumen.
An einer Wäscheleine hängen Stofftüten, aufgereiht zum Trocknen. Sie tragen den Schriftzug des Karlstraßenfestes.
Hoffnungsschimmer für die Karlstraße 29
***21. Juni 2019 (Raka Magazin)***
-Cornelia Meißner-
Eigentlich ist es unüblich, bereits in einer konstituierenden Sitzung der Stadtverordnetenversammlung Anträge einzubringen. Doch besondere Zeiten, erfordern besondere Maßnahmen. So auch heute in Cottbus.
Nachdem sich am Dienstag, dem 18.Juni, die Landtagsabgeordnete der SPD und Vorsitzende des Mieterbundes Cottbus und Umgebung, Kerstin Kircheis, zu einem Gespräch mit den Bewohner*innen der studentischen Wohngemeinschaft Karlstraße 29 getroffen hatte, ging alles ganz schnell. (raka-magazin berichtete) Über Parteigrenzen hinaus taten sich neue und alteingesessene Abgeordnete zu einem gemeinsamen Antrag zusammen.
Vorangetrieben wurde der Prozess von der SPD. Der neue Fraktionsvorsitzende Gunnar Kurth begründete die Beweggründe seiner Fraktion so: „Wir haben gesehen, dass die K29 ein wichtiges Projekt für die Umgebung, für den Stadtteil und natürlich für das studentische Leben in unserer Stadt ist. Deswegen haben wir ein Auge auf den Vorgang und teilen die Befürchtung, dass ein anstehender Verkauf und die angekündigte Sanierung mit den daraus resultierenden erhöhten Mieten das Projekt am Ende existentiell bedroht. Als Stadtgesellschaft sollten wir aber darauf achten, dass auch solche Projekte und Wohnkonzepte im politischen Fokus stattfinden. Darum haben wir diesen Antrag initiiert.“
Im vorgelegten Papier wird beschrieben, dass das Fortbestehen des Projekt im allgemeinen Interesse liegt und das Ziel folgendermaßen formuliert: „Die Stadtverwaltung soll sich deshalb aktiv als Mittler zwischen dem Eigentümer und dem Verein „Karlstraße 29“ zur Verfügung stellen.“
Mitinitiator ist die Partei Die Linke. Andre Kaun, Fraktionsvorsitzender, sagt dazu: „Ich freue mich erst einmal, dass über Parteigrenzen hinaus Einigkeit herrscht, dass Projekte, die Cottbus bunt und vielseitig machen, wichtig für das Stadtleben sind. Wir müssen künftig viel mehr darauf achten, dass eventuelle Miethaie nicht auch andere Projekte dieser Art schlucken. So ist das erst mal ein guter Einstieg. In den Ausschüssen gilt es nun nach zu fragen und dran zu bleiben. Auch könnte die Stadt von sich aus schauen, wo die Möglichkeiten aus eigenen Kapazitäten wären, Stichwort GWC, Einfluss zu nehmen.“
Dem Antrag stimmten die Abgeordneten der neuen Cottbuser Stadtverordnetenversammlung mehrheitlich zu. Es gab neun Gegenstimmen und vier Enthaltungen von 48 Stimmen insgesamt.
Gentrifizierung: Ist die Karlstraße 29 in Cottbus noch zu retten?
***24. Juni 2019 (Raka Magazin)***
-Cornelia Meißner-
Besorgte Gesichter heute am langen Tisch in der Cottbuser Karlstraße 29. Die dienstälteste WG der Stadt steht unter massiven Druck. Die einst 1990 als studentisches Wohnprojekt gegründete K29 ist seit vielen Jahren mit ihrem eingetragenen Verein auch für ein breites kulturelles und kiezförderndes Angebot verantwortlich. Ihr bekanntestes Projekt ist das alljährliche Karlstraßenfest, das eben erst Pfingsten mit vielen Besucher*innen auf dem Bonnaskenplatz gefeiert wurde.
Hintergrund der Besorgnis ist der drohende Verkauf ihres Domizils von einer Cottbuser an eine Berliner Immobilienfirma. Die K29-Bewohner*innen bekundeten schon einige Male selbst ihr Interesse an einem Erwerb, doch sie wurden wohl übergangen. Der Verkauf des 3-stöckigen Altbauhauses scheint jedoch aktiv im Gange zu sein. Sollten die, bei einem früheren Besichtigungstermin durch den potentiellen Käufer mündlich angekündigten, Sanierungen durchgeführt, steigen die Mieten massiv in die Höhe. Damit wäre das Aus aus studentisch naturgemäß finanzieller Not besiegelt.
Nun hat sich auch die Cottbuser Stadtpolitik eingeschaltet. Die SPD-Landtagsabgeordnete Kerstin Kircheis, die das Projekt schon 10 Jahre als Vorsitzende des Cottbuser Mieterbundes unterstützt, kam zu einem Krisentreffen. Vor Ort betonte sie: „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, dass sich junge Leute für die Kultur und damit für die ganze Stadt engagieren. Die Karlstraße 29 bietet einen Raum für genau das. Im Rahmen unserer Möglichkeiten im Mieterbund werden wir helfen, zum Beispiel mit anwaltlicher Beratung.“ In Vorbereitung hatte sie bereits einige Informationen gesammelt. Leider musste sie feststellen, dass bereits eine notarielle Anfrage bezüglich eines gewünschten Vorkaufsrechts an die Stadt gestellt wurde. Das Cottbuser Kaufinteresse wurde nicht bekundet. Da der aktuelle Vermieter (es gibt bisher keine anders lautenden offiziellen Informationen) nicht auf Presseanfragen reagiert, ist derzeit der Stand der Verkaufsabwicklung im Unklaren. „Wir müssen also schnell handeln“, resümiert Kerstin Kircheis. „Da hilft nur öffentlicher Druck, denn die Stadt könnte auch das Nein zum Vorkaufsrecht zurücknehmen.“ Die Rechtswirksamkeit eines Verbotes von öffentlichen Aktionen durch die K29-Aktivist*innen zur Rettung ihres Wohnprojektes unter Androhung von fristloser Kündigung zweifelt die Chefin vom Mieterbund klar an. Das Banner „K29 bleibt“ hängt derweil an der Kirchenwand auf der gegenüber liegenden Straßenseite.
Sarah Fartuun Heinze kam als Pressesprecherin der Cottbuser Kulturszene zum Termin. Obwohl sie selbst erst seit anderthalb Jahren in Cottbus lebt, ist sie begeistert von den vielfältigen Angeboten, Möglichkeiten und den kreative Macher*innen im subkulturellen Spektrum der Stadt. Sie findet: „Gerade angesichts der aktuellen Wahlergebnisse sind offene Räume zum Treffen, Sprechen und um kreative Ausdrucksformen finden, unabdingbar. Die K29 muss dringend gerettet werden.“ Sie wird in jedem Fall die Kunst- und Kulturszene mobilisieren, vielleicht einen Offenen Brief oder ein Solikonzert anregen, um zum Beispiel die Anwaltskosten zu finanzieren.
Der Versuch, das K29 – Projekt für unsere Stadt zu erhalten, ist Konsens. So bildet sich bereits ein Bündnis verschiedener Parteien. Gemeinsam wollen sie ausloten, mit welchen praktischen Möglichkeiten sie auf den verschiedenen Ebenen – von Verwaltung über Parlament – (trotz Sommerpause ) aktiv werden können. Die Cottbuser SPD, die Grünen, die SUB und Die Linke sind dabei. André Kaun, Fraktion Die Linke, äußerte sich dazu auf Anfrage in einem Statement: „Wir werden auf jeden Fall versuchen, das Projekt zu erhalten und uns an den gemeinsamen Aktionen beteiligen. Es kann doch nicht sein, dass Berliner Miethaie hier günstig Häuser kaufen kommen und auch hier, nach und nach, gewachsene Kiezkultur zerstören. Das müssen wir unbedingt verhindern“. Auch Robert Armat Kreft (SUB), der nur ein paar Häuser weiter in der Karlstraße wohnt, pflichtet dem bei: „Wir brauchen in Cottbus solche Orte, um als Stadt für Studierende und Leute aus der Kreativwirtschaft attraktiv zu sein. Und wenn das Projekt K29 das Haus zum Erhalt selbst kaufen will, dann sollten wir das mit aller Kraft unterstützen.“
Diskussion um Wohnprojekt in Cottbus Stadtverordnete streiten über Karlstraße
Cottbus. Cottbuser Stadtverordnete wollen das bedrohte studentische Wohnprojekt in der Karlstraße retten. Nur die AfD lehnt den Antrag dazu ab. Die Begründung: Ein Parteimitglied sei auf einem Fest bedroht worden. Von Rene Wappler
Die politischen Fraktionen in Cottbus wollen gemeinsam das studentische Wohnprojekt in der Karlstraße retten. Eine Ausnahme bildet die AfD. Sie wendet sich dagegen, weil Besucher des Karlstraßenfestes am 8. Juni ihr Mitglied Ingo Scharmacher bedroht haben sollen.
Zwei Mitglieder des Vereins „Karlstraße 29“ saßen im Publikum, als die Cottbuser Stadtverordneten am Freitag über den Antrag berieten. Er besagt, dass die Mitarbeiter des Rathauses zwischen dem Verein und dem Eigentümer des Hauses vermitteln sollen. Die Bewohner fürchten, dass sie sich die Miete nicht mehr leisten können, sobald es zu einer Modernisierung kommt.
Deshalb trugen sie sich mit der Idee, die Immobilie gemeinsam zu kaufen. Doch der bisherige Besitzer ging nach ihren Worten nicht auf ihr Angebot ein. So habe auch die Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC) die Immobilie im Jahr 2010 an einen privaten Unternehmer verkauft, ohne dem Wohnprojekt ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Dazu erklärt Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (SPD): „Hier gab es wohl ein Versäumnis zwischen Verkäufer und Käufer, weil beide Parteien damals das Vorkaufsrecht nicht diskutiert haben.“
In der Begründung des Antrages für die Stadtverordneten heißt es: Seit dem Jahr 1992 befinde sich in der Karlstraße 29 „ein einzigartiges Wohnprojekt“, das kulturelle Ereignisse wie das Karlstraßenfest organisiert.
AfD lehnt Antrag zur Rettung des Wohnprojektes ab
Daran entzündet sich nun der Konflikt. Fast alle Fraktionen unterstützen den Antrag. Nur die AfD lehnt ihn ab. Das begründet Fraktionschefin Marianne Spring-Räumschüssel damit, dass eines ihrer Mitglieder beim Karlstraßenfest „verbal angegriffen“ worden sei.
Sie bezieht sich auf den AfD-Stadtverordneten Ingo Scharmacher. Er bestätigt, ihn hätten Besucher beim Fest „des Platzes verwiesen“, obwohl es dafür keinen Anlass gebe. „Ich empfinde das schon als Bedrohung, sagt Ingo Scharmacher.
Ihm widerspricht der SPD-Stadtverordnete Andreas Rothe. Er sehe keinen Grund, den Verein für einen Streit zwischen Gästen des Karlstraßenfestes in die Verantwortung zu nehmen. „Sie waren mindestens zwei Mal dort“, sagt er zu Ingo Scharmacher, der ihm im Stadtparlament gegenüber sitzt. „Ihnen wurde wohl die Frage gestellt, ob Sie als AfDler Angst hätten, auf diese Veranstaltung zu kommen.“ Wenn Ingo Scharmacher diese Frage als Drohgebärde verstehe, hätte er doch „die Polizei rufen können oder den Verantwortlichen der Veranstaltung“, merkt Andreas Rothe an.
Weiteres AfD-Argument gegen Karlstraßen-Rettung
Die AfD-Fraktion bleibt bei ihrem Standpunkt. Ihr Mitglied Georg Simonek führt ein weiteres Argument gegen den Antrag ins Feld. Dabei bezieht er sich auf den Passus, die GWC habe dem Verein im Jahr 2010 kein Vorkaufsrecht eingeräumt.
„Ich weiß nicht, welche Vorstellungen wir haben“, sagt Georg Simonek. „Geht jetzt jeder Verkauf nach fünf oder sechs Jahren noch einmal in die Prüfung?“ Das könne nicht im Interesse der Stadtverordneten liegen.
So kommt es, dass sich schon bei der ersten Konferenz des Cottbuser Parlaments im Stadthaus die AfD-Fraktion gegen einen Antrag der anderen Fraktionen ausspricht. Er geht unter anderem auf einen Besuch der SPD-Politikerin Kerstin Kircheis beim Wohnprojekt in der Karlstraße zurück. Als Chefin des Mieterbundes hatte sie in der vergangenen Woche ihre Hilfe zugesagt und vorgeschlagen, die erste Konferenz der neu gewählten Stadtverordneten für den Antrag zu nutzen. „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, dass sich junge Leute für die Kultur und damit für die ganze Stadt engagieren“, erläutert Kerstin Kircheis.
Die Mieter halten es für möglich, dass ihr Fest am 8. Juni die letzte Veranstaltung dieser Art war. Falls der neue Besitzer ihr Haus saniere und die Miete deutlich anhebe, könnten sie es sich nicht mehr leisten, dort zu bleiben, erläutern die Vereinsmitglieder. In der Karlstraße 29 leben 13 Menschen, zu denen Studierende und Auszubildende zählen. Der Verein besteht seit dem Jahr 1992.
Sorgen der Mieter nach Eigentümerwechsel Wohnprojekt erhält Kündigung
***09. Juli 2019 (Lausitzer Rundschau)***
Cottbus. Traditionsreicher Verein in der Karlstraße fürchtet mehr denn je um seine Zukunft.
Die Organisatoren des Cottbuser Karlstraßenfestes haben von ihrem Vermieter eine fristlose Kündigung erhalten. Das teilt der Verein „Karlstraße 29“ mit, der sich im Jahr 1992 nach eigenen Angaben als „einzigartiges Wohnprojekt“ gründete. 13 Mieter fürchten damit, auf einen Schlag ihr gemeinsames Zuhause zu verlieren.
Zunächst dachten die Bewohner, der Besuch diene der freundlichen Verständigung. Die neuen Eigentümer des Gebäudes in der Karlstraße 29 schauten an ihrer Adresse vorbei, ebenso Kerstin Kircheis vom Mieterbund und Mitarbeiter des Rathauses. Wie die Mitglieder des Vereins berichten, verlief das Gespräch zunächst in entspannter Atmosphäre. So sei es vor allem um die Frage gegangen, inwiefern eine Sanierung und Modernisierung möglich wäre. Erst am Schluss des einstündigen Termins, als fast alle Besucher wieder gegangen waren, habe ihnen der Rechtsanwalt des bisherigen Vermieters die fristlose Kündigung übergeben. Als Begründung diene die Tatsache, dass sie sich mit ihren Bedenken zum Eigentümerwechsel an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Ein paar Tage später habe wiederum eine fristgerechte Kündigung in ihrem Briefkasten gelegen.
In einem Brief an den bisherigen Besitzer, die Grund Union Immobilien GmbH, schilderten die Mieter im Mai ihre Sorgen. „Wie Sie wissen, fördern wir seit nunmehr fast 30 Jahren studentisches Wohnen und Leben, aber auch den Austausch im außeruniversitären Kontext in Cottbus“, schrieben sie. Durch einen Verkauf und die „jetzt schon mündlich angekündigte“ Verdopplung des Mietpreises werde dieses Projekt sterben, fürchten die Bewohner. „Seit Jahren sprachen wir Sie regelmäßig an und signalisierten den Wunsch zum Hauskauf“, teilten sie weiter in ihrem Brief mit. „Dass nun jemand anderes den Zuschlag erhält, entsetzt uns erneut.“ Auf eine Anfrage der RUNDSCHAU zum Eigentümerwechsel reagierte die Grund Immobilien GmbH nicht. Nach den Informationen der Wohngemeinschaft übernimmt die Lifestyle Immobilien GmbH aus Berlin das Haus.
Ausstellung geplant
Die Mitglieder des Vereins „Karlstraße 29“ wollen sich trotzdem weiter dafür einsetzen, an dieser Adresse zu bleiben. So hoffen sie, dass sich noch eine Lösung findet, mit der alle Beteiligten leben können. Unabhängig von diesem Konflikt planen sie eine Ausstellung über die Geschichte der Karlstraße 29, in der sie zeigen wollen, warum es sich in ihren Augen um ein Projekt handelt, das es so kein zweites Mal in Cottbus gibt.
Kerstin Kircheis vom Mieterbund räumt den Bewohnern noch Chancen ein, dass sie das Haus nicht verlassen müssen. Nach ihren Worten wird die Frage eine Rolle spielen, ob in diesem Fall wegen des Vereins das Gewerberecht greift oder doch das klassische Mietrecht. „Nach diesem Mietrecht gelten die vorgebrachten Kündigungsgründe nicht“, erläutert Kerstin Kircheis, die auch für die SPD im Potsdamer Landtag mitarbeitet. „Wir werden den Fall weiter begleiten.“ Gerade in diesen Zeiten sei es wichtig, „dass sich junge Leute für die Kultur und damit für die ganze Stadt engagieren“.
Mit Ausnahme der AfD hatten sich die politischen Fraktionen des neuen Cottbuser Stadtparlaments ebenfalls dafür eingesetzt, das Wohnprojekt in der Karlstraße zu erhalten. So stimmten sie im Juni für einen Antrag, der besagt, dass die Mitarbeiter des Rathauses zwischen dem Verein und dem Eigentümer des Hauses vermitteln sollen. Die AfD-Stadtverordneten plädierten aus zwei Gründen dagegen. Zum einen führten sie ins Feld, Besucher des Karlstraßenfestes hätten am 8. Juni ihr Mitglied Ingo Scharmacher bedroht. Zum anderen sei es kein akzeptables Signal, wenn „jeder Verkauf nach fünf oder sechs Jahren noch einmal in die Prüfung“ gehe, wie der AfD-Abgeordnete Georg Simonek anmerkte.
30 Jahre altes Kulturprojekt Karlstraße neunundzwanzig e.V. wird dreimal gekündigt
***10. Juli 2019 (Raka Magazin)***
-Cornelia Meißner-
Die schlimmsten Befürchtungen der Bewohner*innen des studentischen Kiez- und Kulturprojektes wurden wahr: Im Prozess des Eigentümerwechsels erhielt der Verein gleich zwei fristlose Kündigungen, sowie eine ordentliche Kündigung. Dem gemeinnützigen Verein wird Verunglimpfung und Beleidigung vorgeworfen.
“Wenn unser Projekt stirbt, verschwindet nicht nur unser zu Hause, sondern auch ein wichtiger Teil der Cottbuser Kultur- und Studierendenszene”, sagt ein Bewohnerin. “Wir sind immer noch bereit, das Haus selbst zu kaufen, damit dieser wichtige Freiraum für junge Menschen erhalten bleibt.”, so die Bewohnerin weiter.
Die Vereinsmitglieder verschickten bereits ein Kaufangebot für die Karlstraße 29 an die neuen Eigentümer. Sie wollen weiter dafür kämpfen, dass die Karlstraße 29 als Kiez- und Kulturort für nachfolgende Generationen Cottbuser Studierende erhalten bleibt.
Das Haus in der Karlstraße 29 wurde Anfang der 1990er Jahre in einem Projekt der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) und in Kooperation mit der Gebäudewirtschaft Cottbus GmbH (GWC) von Studierenden wieder bewohnbar gemacht. Seit dem bietet der Altbau vor allem jungen Menschen ein zu Hause.
Anfang diesen Jahres wurde das Haus zum Verkauf ausgeschrieben und die
Bewohner*innen bekundeten selbst Interesse. Den Zuschlag erhielt allerdings ein Berliner Investor. Im Haus wird nicht nur gemeinschaftlich zusammengelebt. Die Vereinsmitglieder veranstalten auch Kulturveranstaltungen, z.B. das beliebte Karlstraßenfest, das einmal jährlich auf dem Bonnaskenplatz stattfindet. Mit solchen und weiteren Events wirkt das studentische Kulturprojekt in den Kiez und in die Stadt.
Verein erfährt Solidarität: Cottbuser setzen sich für Karlstraße 29 ein
***01. August 2019 (Lausitzer Rundschau)***
–Rene Wappler–
Cottbus. Banner an verschiedenen Orten in der Stadt unterstützen bedrohtes Wohnprojekt. Vor dem drohenden Ende wollen Unterstützer aus Cottbus das Wohnprojekt in der Karlstraße bewahren. Professorin Heike Randvan vom Institut für Soziale Arbeit an der Brandenburgischen Technischen Universität erklärt: „Das Wohnprojekt fördert seit vielen Jahren die kulturelle Vielfalt und das demokratische Miteinander in Cottbus.“ Deshalb sei die Arbeit des Vereins in der Karlstraße so wichtig für Cottbus.
Auch die Freiluftkneipe Prima Wetter am Bahnhof ziert inzwischen der Schriftzug „K29 bleibt!“ Dazu erläutert der Chef der Bar, Philipp Gärtner: „Das ist unser Zeichen der Solidarität.“ So hoffe er, dass eine der ältesten Wohngemeinschaften von Cottbus, als Verein im Jahr 1992 gegründet, nicht wegen eines Eigentümerwechsels das Gebäude in der Karlstraße verlassen müsse. „Cottbus bräuchte viel mehr solcher Häuser, die aus eigener Kraft kulturelle Ereignisse wie das Karlstraßenfest organisieren, und das ohne Fördermittel“, sagt Philipp Gärtner. Auch die Bewohner des Hausprojekts in der Parzellenstraße 79 ließen den Schriftzug für den Erhalt des Vereins an der Fassade anbringen, ebenso wie das Gemeindezentrum der Kreuzkirche.
Die Bewohner (*innen – Anmerkung der Red.) des Hauses in der Karlstraße erhielten vor wenigen Wochen von ihrem Vermieter eine fristlose Kündigung. Das teilte der Verein „Karlstraße 29“ mit. 13 Mieter fürchten damit, ihr gemeinsames Zuhause zu verlieren.
Nackt vor den Hauseigentümern
(neues deutschland 27.05.2020) Andreas Fritsche
Ines Krause und Samuel Paripovic stehen im Garten des Hauses Karlstraße 29 in Cottbus. Sie zeigen die Kartoffeln, den Salat, die Brombeeren, sie zeigen den Geräteschuppen, den die Hausbewohner Hexenhäuschen nennen. Dort nisten Rotkehlchen, berichtet Paripovic. Der 24-Jährige studiert an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus im zweiten Semester Architektur. Ines Krause ist 35 Jahre alt, studiert aber auch noch, da sie erst im zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hat. Ihren Bachelorabschluss von der BTU – in Sozialer Arbeit – hat sie inzwischen bereits in der Tasche. Nun sattelt sie den Master Biografisches und kreatives Schreiben an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule obendrauf.
Krause hat Freude an der Gartenarbeit. Das ist nicht Bedingung, aber doch hilfreich, wenn man hier einziehen möchte. Rassismus wird beispielsweise nicht geduldet. 13 Studierende und Auszubildende wohnen in dem dreistöckigen Altbau, dazu ein Hund und eine Katze. Von den jungen Leuten sind einige vielfältig gesellschaftlich aktiv. Dazu gehört Brandenburgs jüngste Landtagsabgeordnete Ricarda Budke (Grüne), die an der BTU studiert und in der Karlstraße 29 wohnt. Aber gesellschaftliches Engagement ist nicht vorgeschrieben, um in die Wohngemeinschaft aufgenommen zu werden. Mit dem Begriff Wohngemeinschaft ist das Zusammenleben übrigens treffend, aber noch nicht ausreichend beschrieben. Die K29 ist mehr. Sie ist etwas Besonderes.
Es gibt eine Gemeinschaftsküche. Die Lebensmittel werden aus einem Topf finanziert, in den alle einzahlen. Dafür darf sich dann jeder an den Vorräten bedienen. Es gibt eine kleine Fahrradwerkstatt, in die manchmal auch Nachbarn kommen, um ihre Drahtesel zu reparieren. Es gibt ein Wohnzimmer mit Sofas, in dem ein von Hella Stoletzky gemalter Akt an der Wand hängt. Die Künstlerin hat dieses Bild 2018 gemalt und der Hausgemeinschaft geschenkt. Vier Bewohner, zwei Frauen und zwei Männer, haben ihr dafür nackt im Garten Modell gestanden, genauer gesagt haben sie dort im Gras gelegen. Die Darstellung ist aber so verfremdet, dass niemand erkennen kann, wer die vier gewesen sind.
Die Bewohner verstehen sich gut. Paripovic möchte sich nicht vorstellen, als Student anderswo und auf andere Weise leben zu müssen. Höchstens übergangsweise würde er vielleicht in ein Studentenwohnheim ziehen und versuchen, so schnell wie möglich wieder mit seinen Freunden aus der Karlstraße 29 zusammenzukommen. Warum er darüber nachsinnt? Das Wohnprojekt steht auf der Kippe. Im vergangenen Jahr wurde das Haus verkauft. Einer der neuen Eigentümer soll bei einer Besichtigung gesagt haben, er werde das Objekt modernisieren, wodurch sich die Kaltmiete verdoppeln werde. Die Studenten dürften bleiben, wenn sie sich das dann noch leisten könnten.
Die meisten von ihnen könnten das nicht. 214 Euro zahlen sie im Moment für ein Zimmer. Da sind die Betriebskosten mit drin, das Heinzmaterial für die Kachelöfen, der Internetanschluss und sogar das Abonnement einiger Zeitungen. Es besteht die Möglichkeit einer solidarischen Mietpatenschaft. Wenn sich ein Bewohner die vollen 214 Euro mal nicht leisten kann, zahlt ein anderer Bewohner mehr, um die Differenz auszugleichen.
Aber auch das hilft jetzt vielleicht nicht mehr weiter. Denn die neuen Eigentümer haben dem K29-Verein gekündigt. Die Sache liegt bei Gericht und soll am 19. Juni verhandelt werden. Der Streit drehe sich unter anderem darum, so berichten Krause und Paripovic, ob der Verein wirklich nur einen Gewerbemietvertrag habe, wie die neuen Eigentümer es darstellen. Der ließe sich leicht kündigen. Die Eigentümer wollen sich mit Verweis auf das laufenden Verfahren gegenüber »nd« nicht zu der Angelegenheit äußern.
Phasenweise hing ein Transparent »K29 bleibt« an der Fassade. Die Eigentümer wollten dies nicht dulden, heißt es. So befestigte es der Pfarrer aus Solidarität an seinem Pfarrhaus auf der anderen Straßenseite. Dort hing das Stofftransparent eine Weile und blich aus. Der Pfarrer gab es mit der freundlichen Bemerkung zurück, er wolle ein frisches. Nun liegt das alte in der Fahrradwerkstatt. Vielleicht wird es noch einmal gebraucht.
Samuel Paripovic hofft, dass die Justiz zugunsten des Vereins entscheidet. Aber selbst dann wäre das Wohnprojekt nicht dauerhaft gerettet. Die Eigentümer könnten den Verein immer noch über Modernisierung und Mieterhöhung hinausdrängen. Das wäre schade, nicht nur für die 13 Bewohner, sondern auch für ihre Nachbarn. Schließlich organisiert der K29-Verein das jährliche Karlstraßenfest maßgeblich mit. Der Stadt Cottbus würde etwas fehlen. Das haben die 13 jungen Leute quasi schriftlich. Denn die Stadtverordneten hatten im Vorfeld des Hausverkaufs beschlossen, das wertvolle Projekt zu unterstützen. Die frühere Landtagsabgeordnete Kerstin Kircheis (SPD) und die Linksfraktion hatten sich dafür eingesetzt. Ein Aus für das Projekt wäre bedauerlich, bestätigt der Linke-Kreisvorsitzende Matthias Loehr.
Der Verein hatte Wind von dem geplanten Verkauf des Objekts bekommen, weil plötzlich verschiedene Interessenten zur Besichtigung vor der Tür standen. Man schlug dem alten Eigentümer noch vor, selbst zu kaufen, wollte dies mit Hilfe des Mietshäusersyndikats stemmen, das Hauskäufe fördert. Doch es sei nicht einmal so weit gekommen, ein Gebot abzugeben, beklagt Ines Krause.
Man hätte sich vor 20 Jahren ein Vorkaufsrecht vielleicht sichern können und müssen, glaubt Samuel Paripovic. Doch damals standen in Cottbus viele Quartiere leer. Es wurden sogar Blöcke abgerissen. Niemand ahnte, dass um das Jahr 2016 herum plötzlich eine Trendumkehr erfolgen und von nun an Wohnungsnot herrschen würde. Jetzt wäre es äußerst schwierig, ein Ersatzobjekt zu finden. 1992 hatte der Altbau leer gestanden. Die ersten Studenten waren der kommunalen Gebäudewirtschaft Cottbus eine Hilfe, als sie hier einzogen und das Haus in Eigenleistung instand setzten. Ansprüche von Alteigentümern waren noch nicht geklärt. Später wurde das Objekt verkauft.
Es gebe keine Aufstellung, wie viele Studenten im Laufe von knapp drei Jahrzehnten in der Karlstraße 29 gewohnt haben, sagt Paripovic. Womöglich seien es Hunderte gewesen. Zuweilen klingele ein Absolvent von einst und wolle schauen, was aus dem Projekt geworden ist, in das so viele Menschen so viel Herzblut steckten.
Offener Brief für Hausprojekt
Sonntag, 07. Juni 2020 von Daniel Häfner
Den BewohnerInnen des Hausprojektes Karlstraße 29 in Cottbus steht in wenigen Wochen, am 19.6.2020, ein Gerichtsprozess bevor, der über die Zukunft ihres Zuhauses entscheiden wird.
Bevor es zum Prozess kommt, richten sich die Bewohner_innen und Unterstützer_innen des Wohn- und Kulturprojekts in Cottbus jetzt an den Berliner Eigentümer, um erneut ihr Kaufinteresse zu bekunden. Vertreter_innen der Stadtgesellschaft, des kulturellen Lebens in Cottbus und der Stadtpolitik zeichneten diesen Brief.
„Bei dieser Gerichtsverhandlung geht es um nicht weniger als unser Zuhause, unsere gemeinschaftliches Leben“, so Samuel Paripovic (24), der an der BTU Architektur studiert. „Unsere Wohngemeinschaft ist mehr als ein paar Studis, Azubis und ´ne Küche. Wir leben in einer Gemeinschaft, Kochen und Essen zusammen. Wir organisieren Kulturveranstaltungen und sind ein wichtiger Teil der Cottbuser Kulturszene.“
Eine der bekanntesten und beliebtesten von der Hausgemeinschaft der Karlstraße 29 organisierten Veranstaltungen ist das alljährliche Karlstraßenfest auf dem Bonnaskenplatz. Die Bewohner_innen hoffen sehr, dass sie im nächsten Jahr noch in der Karlstraße 29 wohnen – denn nur dann können sie das beliebte Karlstraßenfest und weitere Kulturveranstaltungen wieder organisieren!
Zum Hintergrund: Die Wohngemeinschaft in der Karlstraße 29 entstand in den 1990er Jahren durch ein BTU-Projekt. Seit dem Leben und Wirken 13 Menschen gemeinsam in diesem Haus, organisieren Kultur- und Infoveranstaltungen. Auch ein Uni-Seminar fand in dem Haus statt. Seit ca. Eineinhalb Jahren befindet sich die Zukunft der Wohngemeinschaft im Schwebezustand. Das Haus wurde an einen neuen Eigentümer verkauft, ein Kaufversuch seitens der Bewohner_innen scheiterte. Nach einer Ankündigung die Miete verdoppeln zu wollen, gingen die jungen Menschen an die Öffentlichkeit. Es erfolgten Kündigungen an den Verein Karlstraße Neunundzwanzig e.V.
Die öffentliche Gerichtsverhandlung findet am 19.6.2020 um 11 Uhr am Landgericht Cottbus statt. Ab 9 Uhr ist eine Kundgebung auf dem Altmarkt geplant (unter Vorbehalt, soweit es die Eindämmungsverordnung zulässt).